Der Blog-Artikel, den ich lieber erst in 15 Jahren geschrieben hätte

 

Das leise Schnauben, wenn du mich gesehen hast. Es hat richtig lang gedauert, bis ich es kapiert habe. Du meinst mich damit.  Du sagst auf deine ruhige und unaufgeregte Art „Hallo, schön dass du da bist.“ Du hast immer leise geschnaubt, wenn du mich gesehen hast: in der Box, auf dem Paddock und sogar auf der Weide.

 

Manches habe ich erst im Nachhinein bemerkt. Z.B., dass ich mir mit dir zum 2.ten Mal ein Pferd ohne Schopf ausgesucht habe. Oder dass du so introvertiert bist, dass ich lange das Gefühl hatte, du willst gar nichts mit mir zu tun haben. Heute könnte ich das viel besser lesen. Aber das habe ich erst in der Zeit mit dir gelernt.

 

In diesen fast 11 Jahren habe ich unendlich viel über Pferde, Pferdeausbildung, Reiten, Menschen und über mich gelernt. Du warst dafür meine Motivation, mein Coach, meine gnadenlos ehrliche Feedback-Geberin, mein glasklarer Spiegel. Und darüber hinaus warst du eine Freundin, eine Begleiterin durchs Leben, eine vertraute Gefährtin. In diesen fast 11 Jahren habe ich nur ganz wenige Wochen ohne dich verbracht.

 

In Trance

 

Ich habe lange damit gehadert, ob ich dich wirklich richtig ausgesucht habe und ob wir wirklich zueinander passen. Von meiner vorherigen Stute Evita war ich theatralisches, extrovertiertes und lautes Verhalten gewöhnt. Du dagegen warst so introvertiert, dass ich lange das Gefühl hatte, am liebsten wärst du ganz ohne Menschen und auch ohne mich.

Wenn ich dich auf der Stallgasse geputzt habe, dann hast du dich in deine eigene Welt zurückgezogen. Für viele sah es so aus, als ob du müde wärst und dösen würdest. Die Krönung war, als ein Tierarzt, der gerade ein Pferd sediert hatte mich gefragt hat, ob du auch sediert bist. 

Heute verstehe ich, dass es dir einfach zu viel war und du dich aus Unsicherheit in dich zurückgezogen hast. Andere Pferde hätten vielleicht nicht stillstehen können oder hätten geschnappt. Als Mensch hätte man dich wahrscheinlich als hochsensibel bezeichnet. Aber ich glaube, der Begriff war damals noch gar nicht bekannt.

Die 4 Energie-Ebenen der Kommunikation

No Way

 

Beim Reiten hatte ich zu Anfang das Gefühl, ich sitze auf einem Pulverfass. Auch hier wirktest du nach außen ruhig, warst aber innerlich und in jeder Faser deines Körpers total angespannt. Bei einer Freundin, die dich mitreiten wollte, hast du wie wild gebockt, als sie deine Angst ignoriert hat. Damals war ich noch eine unsichere und vor allem ungeübte Reiterin – also eine super Kombination.

Aber trotzdem war ich mir sicher, dass ich nicht den konventionellen Weg mit Hilfszügeln, Beritt etc. gehen will. Ich wollte selbst lernen und vor allem mit dir gemeinsam einen Weg finden, der uns beiden Freude macht.

 

 

Neue Wege

Riesiger Hund links und kleiner Hund rechts - Tierkommunikation

Glücklicherweise bin ich auch ziemlich stur und weiß, was ich will. Ich habe also alle Hilfsangebote ausgeschlagen und entschieden, es erst mal alleine mit dir zu versuchen. Vom Boden aus. O-Ton: „Und wenn ich erst in 5 Jahren wieder reite, dann ist das eben so.“ „Und wenn ich nie wieder reite, dann ist das auch so. Dann habe ich eben ein Bodenarbeitspferd.“

Nach 4 Wochen Selbststudium und Rumprobieren hatten wir schon eine so gute Beziehung, dass ich wieder aufgestiegen bin. Aber die Liebe zur Bodenarbeit und besonders zur Freiarbeit ist uns beiden immer geblieben. Mehr als 3-4 Mal die Woche Reiten fandst du eh‘ nicht gut.

 

 

Grenzen überwinden

 

Wir waren dann erst mal ein paar Jahre lang vorwiegend auf dem Horsemanship-Weg unterwegs. Neben allen anderen Learnings in dieser Zeit ist mir vor allem eins deutlich geworden: ich kann dir nur da in deiner Entwicklung weiterhelfen, wo ich mich auch selbst weiterentwickle. Dabei meine ich nicht das natürlich auch nötige Wissen über Pferde und Ausbildungs- und Lernprinzipien. Die nützen nichts, wenn man selbst in seiner inneren Entwicklung steckenbleibt.

 

Für dich war ich bereit, auch da dran zu bleiben, wo es innerlich weh getan hat, wo ich Rückschläge erlitten habe, wo ich Gegenwind bekommen habe oder einfach nicht weiterwusste. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich mit dir Freiarbeit gemacht und ein Feedback bekommen habe, das sehr direkt eine eigene innere Grenze aufgezeigt hat. Ein Thema, das ich selbst nicht sehen konnte und auch nicht sehen wollte.

 

Da habe ich so geheult, weil ich mir ganz sicher war, dass ich diese Grenze niemals auch nur einen Millimeter weiter verschieben kann. Und doch wusste ich schon am nächsten Morgen, dass Aufgeben einfach keine Option ist. Weil ich an dir immer sehen konnte, wir gut es für dich ist, wenn ich meine eigene innere Grenze überschreite. Dann konntest du das über kurz oder lang auch.

 

 

Vom schüchternen Mäuschen zur Leitstute

 

Scheinbar bin ich Schritt für Schritt gut in Vorleistung gegangen. Wer hätte gedacht, dass aus der schüchternen und introvertierten Stute, die sich in der ersten Weidesaison hinter den anderen Pferden versteckt und vorsichtig über deren Kopf gelugt hat, mal die souveräne und durchsetzungsfähige Leitstute wird.

 

Auch im Kontakt mit Menschen warst du in den letzten Jahren sicher, aufgeschlossen und zugewandt. Anstatt dich in dich selbst zurückzuziehen, hast du aufmerksam alles beobachtet und aktiv Streicheleinheiten oder Leckerchen eingefordert. Darüber habe ich mich jeden Tag immer wieder neu gefreut.

 

Auch in der Freiarbeit wurdest du immer selbstsicherer und spielerischer. Früher bist du schon mal aus dem Longierzirkel gesprungen, wenn es dir zu viel Druck war oder du etwas nicht verstanden hattest. Später hast du genau daraus ein Spiel gemacht: du bist in der Freiarbeit plötzlich im Galopp weggesaust bis ans andere Ende der Halle, dann hast du dich mit hoch erhobenem Kopf umgedreht, mich mit blitzenden Augen angesehen und bist dann im Galopp wieder zu mir zurückgekommen. Als Show-Act wären wir damit natürlich nicht groß rausgekommen. Aber ich fand‘s super und habe mich jedes Mal kaputtgelacht.

 

 

 

Doch noch Reiten

Nachdem wir lange auf alternativen Wegen unterwegs waren und ich durch zügelloses Reiten meinen Sitz deutlich verbessern konnte und du genügend Sicherheit gewonnen hattest, wurde mir irgendwann klar, dass nun mehr Gymnastik gut wäre. Also haben wir mit viel Freude Handarbeit, Seitengänge (die ich zu Hause zum besseren Verständnis auf allen vieren ohne dich geübt habe) und vor allem Basisarbeit, Basisarbeit, Basisarbeit und Basisarbeit gemacht.

Durch dich habe ich gelernt, zu fühlen , ob der Rücken sich auch wirklich bewegt. Hier warst du eine trickreiche Lehrmeisterin, denn du konntest einem auch mit festgehaltenem Rücken ein gutes Gefühl geben. Ich musste schon extrem aufmerksam sein und gut hin spüren. Ich habe auch gelernt, zu sehen, ob ein Pferd wirklich seinen ganzen Körper einsetzt und seine Muskulatur benutzt oder nur über die Knochen trägt. Ja, auch das konntest du, wenn du deine Muskeln nicht anstrengen wolltest.

Zielscheibe als Sinnbild für Zielorientierung

 Und ich habe auf dich gehört, wenn du mal nicht geritten werden wolltest. Das hast du deutlich zum Ausdruck gebracht. Und auch wenn manche über mich geschmunzelt oder den Kopf geschüttelt haben, fand ich es wichtig, dir zuzuhören und deine Meinung ernst zu nehmen. Vielleicht hattest du auch mal Kopfschmerzen, hast schlecht gelegen und etwas hat dir weh getan oder dir ging es einfach mal nicht so gut. Am nächsten Tag war jedenfalls immer alles wieder ok.

 

 

Das Fräulein Smilla

 

Manchmal habe ich dich beneidet. Du machtest auf mich in den ganzen letzten Jahren den Eindruck, dass du wirklich jeden Tag rundum mit dir selbst und dem Leben zufrieden bist. Du hattest über Jahre hinweg deine stabile und geliebte kleine Herde, du hast dich in deiner Paddock-Box sehr wohl gefühlt und du musstest nichts machen, was du wirklich ätzend fandst.

 

Das einzige verbliebene Schreckgespenst in deinem Leben waren Plastikplanen. Außer ich hatte sie in der Hand, dann war es ok. Aber trotz wirklich vielem Üben hast du ihnen nie getraut, wenn sie irgendwo rumgeflattert sind.

 

Eine andere große Hürde hast du dagegen überwunden, obwohl wir nicht daran gearbeitet haben. Du mochtest dich nie im Gesicht streicheln lassen. Aber in den letzten 1,5 Jahren hat sich das verändert. Bei mir hast du es richtig genossen und auch anderen Menschen hast du das immer öfter angeboten.

 

 

Der Weg darf sich unter meine Füße legen

 

 

Frau mit Pferd und Hund gehen einträchtig zusammen

In den letzten Jahren habe ich an ganz vielen Tagen daran gedacht, welches Geschenk es ist, mit einem so tollen Pferd in einer so vertrauten Verbindung meine Zeit verbringen zu dürfen. Jetzt bin ich glücklich darüber, dass ich es so bewusst genossen habe.

 

Ich hätte gedacht, dass wir noch ganz viele gemeinsame Jahre haben. Aber das sollte nicht sein. Gerade zum Jahresanfang habe ich darüber geschrieben, warum ich mir mit meinen Tieren keine Ziele setze, sondern dem Weg vertraue. Da habe ich nicht gedacht, dass der Artikel so passend ist in diesem Jahr.

 

Durch dich habe ich gelernt, dass sich jede innere Grenze verschieben lässt, auch wenn man noch nicht weiß, wie genau das gehen kann. Und auch wenn ich mein schopfloses Trakehnermödchen gerne noch viel länger an meiner Seite gehabt und das leise Begrüßungsschnauben gehört hätte: ich vertraue darauf, dass alles so ist, wie es sein soll und dass der Weg sich unter meine Füße legt, während ich ihn gehe.

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