Wünsch dir was

 

Endlich alleine galoppieren.

Endlich ohne Leine laufen.

Endlich die Traversale reiten können.

Endlich das Rückwärtsgehen verstanden.

Endlich das Turnier gewonnen.

Endlich die Begleithundeprüfung bestanden.

 

 

Wahrscheinlich hast du auch Wünsche und Träume für dich und dein Tier. Ich denke, das haben wir alle und das öffnet uns viele Möglichkeiten.

Aber ein Wunsch ist noch lange kein Ziel. Und heute schreibe ich darüber, ob es Sinn macht, dass du dir für dich und dein Tier konkrete Ziele setzt.

Meine eigene Haltung dazu hat sich im Laufe der Jahre deutlich geändert.

In jedem Fall gibt es Vorteile und Nachteile von konkreten Zielen. Vielleicht regt dich der Blog-Post dazu an, über deinen Umgang mit Zielen nachzudenken und deine eigene Entscheidung zu treffen.

 

Was genau ist ein Ziel?

 

Ich möchte gerne mal in Neuseeland Urlaub machen. Das ist im Moment ein Wunsch und kein Ziel von mir, denn ich tue nichts dafür, damit es Realität wird. Ganz im Gegenteil: ich habe aktuell gar keine Lust, Hund und Pferd für 4 Wochen hier zurückzulassen.

So geht es uns auch im Zusammenhang mit unseren Tieren oft: „Ich will unbedingt mit meinem Hund die Begleithundeprüfung bestehen“ –  ABER:  „Mich jetzt zum Kurs anzumelden…regelmäßig zu üben…och nee, keine Zeit.“

Wenn du mit deinem Pferd am Strand entlang galoppieren willst, dann macht es Sinn, das vorzubereiten und z.B. das Verladen zu üben, das Wegfahren vom Hof, Gelassenheitstraining zu machen… Wenn du dazu keine Lust hast, dann ist es eben ein Wunsch und kein Ziel. Und das ist auch absolut ok!

 

Wichtig finde ich, dass du den Unterschied für dich selbst kennst. Wenn du denkst, der Ausflug ans Meer ist ein Ziel, dann wirst du regelmäßig enttäuscht sein, wenn du es in einem Jahr wieder mal nicht umgesetzt hast. Wenn du den Ritt am Meer aber in deine „mentale Wunschkiste“ packst, dann kannst du dich daran erfreuen und wenn du möchtest, irgendwann ein Ziel daraus machen.

Die 4 Energie-Ebenen der Kommunikation

SMARTE Zielformulierung

 

Ein Ziel ist ein bestimmtes gewünschtes Ergebnis in der Zukunft, auf das du deinen Fokus konkret ausrichtest und bei dem du aktiv in die Umsetzung gehst.

Bestimmt hast du auch schon von der SMART-Formel für Ziele gehört:

Rote High Heels als Symbol für Tangotanz

Spezifisch heißt:  konkret und präzise formuliert:

Mein Hund soll besser hören vs.  Mein Hund soll sich auf einen langen Pfiff in jeder Situation sofort hinsetzen.

 

Messbar: 

Ist das Ziel für dich nur bei einer Fehlerquote von 0% erreicht oder schon bei einer Fehlerquote von 5%?

Bei weicheren Zielen ist das schon nicht mehr so leicht zu benennen: Wie genau willst du eine gute Beziehung zu deinem Pferd messen?

 

Aktivierend:

Das Ziel sollte dich „ziehen“. D.h. „Mein Pferd allein von der Box bis zur Halle führen“ ist wahrscheinlich kein wirklich attraktives Ziel, selbst wenn du absoluter Anfänger bist und es jetzt noch nicht kannst.  Ein Ziel muss eine gewisse Größe haben, damit es aktivierend wirken kann und attraktiv ist.

 

Realistisch:

Wenn du noch nicht reiten kannst, aber im nächsten Jahr den CHIO im Springen gewinnen willst, dann wird das auch bei bestem Training und mit viel Geld im Rücken wahrscheinlich nicht klappen.

 

Terminierbar:

Wann soll dein Hund denn auf den langen Pfiff hören? Ein konkreter Zeitpunkt hilft dir dabei zu prüfen, ob du auf dem richtigen Weg bist. Oder reicht es dir, wenn er es mit 14 Jahren kann?

 

 

Ein SMARTES Ziel hat tatsächlich viele Vorteile:

es kann dich schön in Gang bringen und halten. Es und hilft dir, deinen Fokus immer wieder darauf auszurichten und dich nicht ablenken zu lassen. Du kannst leicht deine Fortschritte sehen. Aber es gibt auch die andere Seite der konkreten Ziele.

 

 

 

Die große Gefahr von Zielen gerade auch, wenn es um Tiere geht

 

Die Vorteile von Zielen sind gleichzeitig auch die Gefahren:

Ein starker Fokus verengt deinen Blick ungemein. Du schaust weder links noch rechts und übersiehst damit leicht die Dinge, die wirklich wichtig sind. Durch die Aufmerksamkeit auf ein äußeres Ziel besteht die Gefahr, dass du die Verbindung zu dir selbst und auch die Verbindung zu deinem Tier verlierst.

 

Du hast zwar das Gefühl, dass du auf dem richtigen Weg bist, wenn dich weiterhin auf das Ziel zubewegst. In Wirklichkeit bist du aber nur auf dem richtigen Weg zum Ziel. Er muss nicht gleichbedeutend sein mit einem guten Weg für dich und dein Tier. So übersiehst bei einer starken Zielorientierung leicht Signale von Überforderung und dass z.B. eine Pause angesagt wäre, anstatt weiter zu üben.

 

Durch den aktivierenden Anteil im Ziel kommt automatisch viel Zugkraft in dein Tun. Als ich noch in der Industrie gearbeitet habe, haben wir unsere Ziele sogar „gestretcht“, damit man auch über sich selbst hinauswächst und ja das Maximum herausholt. Damals fand ich das total normal, jetzt hört es sich für mich eher nach Streckbank an. Auf jeden Fall etwas, dass ich weder mir noch meinen Tieren zumuten möchte in dieser Form. Und ich bin ein Lern- und Weiterentwicklungs-Junkie.

 

Zusätzlicher Druck entsteht dann noch durch die zeitliche Vorgabe. Und Druckgefühl geht immer mit Enge und Angespanntheit einher, etwas, dass du in der Beziehung zu deinem Tier sicher nicht haben möchtest.

Riesiger Hund links und kleiner Hund rechts - Tierkommunikation

Ob du mit deinem Hund etwas übst, weil es euch Spaß macht und einfach eine gemeinsame Beschäftigung ist oder ob ein konkretes Ziel in einem bestimmten Zeitraum dahintersteht, kann einen großen Unterschied machen. Ich hatte z.B. eine Zeit lang mal Unterricht, um mit Koko den Freilauf zu trainieren. Das Training war so aufs Ziel ausgerichtet, dass ich nach ein paar Wochen noch nicht mal mehr Lust hatte, mit Koko spazieren zu gehen. Und ich gehe eigentlich immer und bei jedem Wetter sehr gerne spazieren. Die Zielorientierung hatte mir jegliche Freude und Leichtigkeit genommen.

Durch den Vergleich vom jetzt, hier und heute mit dem gewünschten Ziel, kann schnell eine Unzufriedenheit aufkommen. Du lebst gedanklich mehr in der verheißungsvollen Zukunft und bemerkst die Dinge, die in der Gegenwart schon gut laufen, nicht mehr richtig.

 Wenn es bei einem Ziel zusätzlich noch um die Anerkennung von außen geht, dann bemerkt man oft nicht mehr, dass man permanent über eigene Grenzen geht. Denk mal an Boris Becker, der schon in relativ jungen Jahren neue Hüften gebraucht hat. Vielleicht sagst du, dass du für den Ruhm und das viele Geld auch bereit wärst, dir die Hüften austauschen zu lassen. Aber:

 

Gerade im Zusammenhang mit Tieren finde ich diese Sog- und Scheuklappenwirkung von Zielen nicht gut. Es verleitet dazu, zu viel zu üben, zu viele Wiederholungen zu verlangen, zu viel Druck zu machen, nicht erlaubte Hilfsmittel zu verwenden, zu Dopen, zu Barren, mit Teletac zu arbeiten, mit Futterentzug… Vieles, was ich früher ansprechend fand, weil es leicht und frei aussieht, sehe ich heute mit ganz anderen Augen, wenn ich den Trainingsweg nicht kenne.

 

Ich denke, Tiere könnten auf die Art von Zielen, wie wir sie uns als Menschen oft setzen, gut und gerne verzichten.

 

Der größte Fehler bei der Zielformulierung

 

 

Ein Ziel ist nur ein hilfreiches Ziel, wenn du es aus eigener Kraft erreichen kannst.

„Ich will im nächsten Jahr Turnier XY gewinnen.“

Vor ein paar Jahren war ich als Zuschauerin auf einem „normalen“ Turnier, auf dem plötzlich Isabell Werth als Teilnehmerin aufgetaucht ist. Bevor der Name genannt wurde, sah man schon von weitem, dass hier eine andere Art Pferd das Viereck betritt. Wenn ich mich richtig erinnere, hat sie es auch gewonnen.

An so einem Tag kannst du wahrscheinlich mit deinem Pferd den besten Ritt aller Zeiten zeigen und wirst trotzdem nicht gewinnen. Oft liegen Ziele zu sehr im Außen und sind zu ergebnisorientiert.

Z.B. Reiten oder mit dem Hund Trainieren, um das Turnier zu gewinnen. Auf das Ziel, ein Turnier zu gewinnen, hast du nicht genügend Einfluss. Dieses Ziel kannst du nicht aus eigener Kraft erreichen. Es kann immer jemand kommen, der besser ist als du, dein Pferd oder Hund kann krank werden, ihr bleibt im Stau stecken… Du kannst dich anstrengen so sehr du willst, wenn nicht der Zufall mitspielt, wirst du dein Ziel nie erreichen.

Ein ergebnisorientiertes Ziel wird dir außerdem nie das bringen, was du dir erhofft hast. Vielleicht kennst du das auch, dass du selbst wenn du ein Ziel erreicht hast, nicht die erwartete Freude spürst, sondern vor allem Erleichterung, dass der Druck weg ist oder sogar eine innere Leere, weil du jetzt nicht weißt, was nun kommt. Bei vielen kommt dann das nächste ergebnisorientierte Ziel, um sich mit diesem Gefühl nicht beschäftigen zu müssen.

 

Die Tiere interessiert es sowieso nicht, ein Ziel im Außen zu erreichen. Wie oft sieht man bei Menschen, die extrem zielorientiert sind, unterwürfige oder überdrehte Hunde oder Pferde mit toten Augen, die es aufgegeben haben, ihre Meinung zu äußern.

Ergebnisorientierte Ziele, die auch noch im außen liegen, führen leicht in den schneller, höher weiter Kreislauf. Sie fördern dann langfristig Unzufriedenheit, Druckgefühle und Sinnleere.

Was ist nun die Alternative?

Zielscheibe als Sinnbild für Zielorientierung

 

 

Ganz ohne Ziele leben?

 

Ist es besser, sich einfach treiben zu lassen? Gerade im Zusammenleben mit deinem Tier gar kein Ziel mehr erreichen zu wollen? Mit dem Hund im Garten zu sitzen, eine Egal-Haltung zu entwickeln, wenn er an der Leine zieht, mal wieder andere Hunde anpöbelt und das Pferd frisst sich auf der Weide  einen Speckbauch an?

 

Das kann es auch nicht sein. Da fehlt einfach was. Trotzdem macht es Sinn, dass mit dem Stecken eines Ziels auch die Freude und die Leichtigkeit für dich und dein Tier erhalten bleibt.

 

Dafür sind die SMARTen Ziele nicht wirklich geeignet. Eins ist in jedem Fall klar: das Ziel ist nicht das Ziel, sondern was bereits Konfuzius wusste: der Weg ist das Ziel.

Für mich bedeutet das, dass ich den täglichen Weg gerne gehe und mir das gemeinsame Tun mit meinem Tier Freude macht. Genauso sollte es natürlich für meine Tiere sein. Ich habe mittlerweile tatsächlich keine smarten Ergebnisziele mehr für mich und meine Tiere.

 

 

 

 

Wie also kann es gehen, bereits den Weg mit deinem Tier zum Ziel zu machen?

 

 

Frag dich: Was ist das Ziel hinter meinem Ziel?

Damit kommst du deiner eigentlichen Motivation nach und nach auf die Spur.

  • Warum will ich das Turnier gewinnen?
  • Warum will ich, dass mein Hund so schnell wie möglich ohne Leine laufen kann?
  • Warum soll mein Hund diese Tricks können?
  • Warum will ich Seitengänge im Galopp reiten können?

 

Die Antworten sind ganz individuell: z.B. um Anerkennung zu bekommen, um das Gefühl zu haben, etwas geleistet zu haben, um mich selbst weiterzuentwickeln, um meinem Tier ein gutes Leben zu ermöglichen, weil es sich einfach gut  anfühlt, um mein Tier gesund zu erhalten… Deine Antworten können natürlich auch ganz andere sein.

 

Hier kannst du nun immer weiter hinterfragen und herausfinden, welches innere Bedürfnis für dich ganz persönlich dahintersteht.

 

Was z.B. gibt es dir, wenn du Anerkennung von anderen bekommst? Du fühlst dich dann gut? Wie kannst du das schon im täglichen Tun erreichen? Du hast dann das Gefühl, dich endlich auch selbst richtig anerkennen zu können? Wie kannst du dich verhalten, um das aus eigener Kraft zu erreichen und dir jeden Morgen mit einem guten Gefühl im Spiegel in die Augen zu schauen?

 

 

 

Welche Werte sind für dich wichtig?

Noch näher kommst du einem Weg, der dir und deinem Tier langfristig Freude bereitet , indem du dich zusätzlich mit deinen Werten beschäftigst. Deine wichtigsten Werte können dir als Richtlinie für dein Handeln dienen. Wenn du sie bei jedem Schritt berücksichtigst, dann kann der Weg tatsächlich relativ schnell zum eigentlichen Ziel werden.

 

Frau mit Pferd und Hund gehen einträchtig zusammen

Wenn du z.B. die Hauptwerte Selbstbestimmung, Kreativität, Liebe, Tierschutz und Familie hast und den Wunsch hast, dein Tier gesundheitsfördernd zu bewegen, dann hast du schnell eine konkrete Orientierungshilfe für dein tägliches Verhalten.

Du könntest z.B. sagen: ich wende mindestens 3 verschiedene Trainingsarten pro Woche an; ich nehme mindestens 6 Unterrichtsstunden pro Monat, ich nehme im nächsten Monat an der Weiterbildung XY für Tiermassage teil; in jeder Trainingseinheit mache ich bewusst vier Pausen, in denen ich einfach nur Wahrnehme, wie es meinem Tier gerade geht; wenn ich bezüglich einer Trainingsmethode unsicher bin, dann frage ich mich: „Würde ich auch (m)einem Kind auf diese Art und Weise etwas beibringen?“

 

Diese Beispiele zeigen, dass kein smart formuliertes Ziel zu haben nicht heißt, planlos durchs Leben zu gehen.

 

Paradoxes Leben

Verrückterweise kann es nun passieren, dass du die anfangs genannten Wünsche plötzlich viel leichter erreichst, als wenn du dir ein smartes Ziel gesetzt hättest. Plötzlich klappt der Galopp, du weißt genau, in welchen Situationen dein Hund schon ohne Leine laufen kann, die Traversale geht auch schon immer öfter in einen gute Richtung… Und das Positive daran: du wirst dich daran erfreuen,  ohne danach in ein mentales Loch zu fallen. Und wenn du noch nicht ganz da bist, dann hast du einfach weiterhin Freude an eurem gemeinsamen Weg.

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